Andrés SandovalHernández

Dieser Blog wurde von Laura Zieger ins Deutsche übersetzt.

Die PISA Studie (Programm zur internationalen Schülerbewertung) ist eine von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) organisierte Studie zur Bildungsleistung von 15-jährigen Schülern. Die Ergebnisse der jüngsten PISA Runde werden im Dezember dieses Jahres veröffentlicht, und wir werden viel darüber in den Nachrichten und anderen Medien erfahren. Die meisten Berichte handeln wahrscheinlich entweder von den PISA-Rankings oder von dem, was in der Bildung „funktioniert“. Aber das sind nicht die Berichte, auf die wir uns konzentrieren sollten.

Die PISA-Rankings

Wir werden beispielsweise lesen, dass Land X in Naturwissenschaften und Lesen leicht über dem OECD-Durchschnitt lag und in Mathematik etwa dem OECD-Durchschnitt entsprach. Uns wird gesagt werden, ob diese Leistung eine signifikante Veränderung gegenüber den erzielten Werten im Jahr 2015 darstellt oder nicht. Uns wird auch gesagt werden, dass die Leistung von Land X vergleichbar ist mit der Leistung von Ländern wie z.B. Australien, Deutschland und Irland. Alle diese Rankings sind jedoch nur Vergleiche von Rohwerten. Sie berücksichtigen nicht den Kontext der Gesellschaften, in denen die Bildungssysteme agieren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Im Jahr 2015 war die Leistung des Vereinigten Königreichs bei PISA deutlich höher als die der Dominikanischen Republik (in allen Bereichen), aber wir wissen auch, dass das Pro-Kopf-Einkommen in der Dominikanischen Republik fast siebenmal niedriger ist als im Vereinigten Königreich. Daher scheint es nicht fair zu sein, solch allgemeine Vergleiche von Bildungssystemen anzustellen, wenn sie unter so unterschiedlichen sozioökonomischen Bedingungen agieren (ein gutes Beispiel für Vergleiche von Bildungssystemen unter Berücksichtigung sozioökonomischer Unterschiede finden Sie hier).

Also, was funktioniert in der Bildung?

Hinsichtlich dessen, was in der Bildung „funktioniert“, ist die Geschichte nicht wirklich anders. Auch allgemeine Vergleiche der Bildungssysteme sind nicht sehr aussagekräftig, da PISA als Nachweis für widersprüchliche Aussagen herangezogen werden kann. Unterstützer der Schulautonomie (d.h. Schulleiter und Lehrer haben größerer Autonomie bei der Verwaltung der Ressourcen ihrer Schulen) werden auf Estland hinweisen (Platz 3 in Naturwissenschaften in PISA 2015) um zu behauptet, dass dies eine gute Herangehensweise ist. Andererseits werden Kritiker vergleichbarer politischer Konzepte auf Singapur (Platz 1 in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik, PISA 2015) deuten um das Gegenteil zu behaupten (siehe Abbildung II.4.3 der PISA 2015 Ergebnisse). Die Ergebnisse von PISA 2015 können auch Belege liefern, dass  Schüler in Schulen mit kleineren Klassen tendenziell besser abschneiden (Finnland hat Klassen mit durchschnittlich weniger als 20 Schülern und belegt den fünften Platz in den Naturwissenschaften), aber sie können auch das Beweise für das Gegenteil erbringen (Japan hat Klassen mit durchschnittlich mehr als 35 Schülern und belegt den zweiten Platz in den Naturwissenschaften) (siehe Abbildung II.6.16 der PISA 2015 Ergebnisse).

Kontext ist wichtig

Die Berichte, auf die wir uns konzentrieren sollten, müssen also über vereinfachte Vergleiche der Bildungssysteme hinausgehen. „Welchen Rang haben wir erreicht?“ oder „Was funktioniert?“ sind nicht die richtigen Fragen, welche durch die Analyse von PISA beantwortet werden sollten. Denn, wie oben gezeigt, funktioniert fast jede (politische) Maßnahme irgendwo und keine Maßnahme funktioniert überall. Dies ist keine Einschränkung der PISA-Daten, sondern der Analysen und Interpretationen, die wir daraus machen (neben den Leistungen der Schüler sammelt PISA eine Fülle an Hintergrundinformationen über Schüler, Lehrer, Schulen und Länder). Unsere Analysen müssen sich nicht nur damit befassen, welche Maßnahmen oder Praktiken funktionieren, sondern auch damit, unter welchen Bedingungen diese Maßnahmen oder Praktiken wahrscheinlich funktionieren werden. In der Bildungsforschung dreht sich alles um den Kontext und deshalb können Bildungssysteme nicht verstanden werden, ohne den Kontext der Gesellschaften zu berücksichtigen, in denen sie tätig sind.

About the author(s)

Andrés Sandoval-Hernández

Dr Andrés Sandoval-Hernández is a Lecturer in Educational Research at the University of Bath in the UK. Over the last few years, he has collaborated with or consulted for the ministries of education of several countries, the IEA, the World Bank, the OECD, UNESCO, UNICEF and other international organizations. His research interests include comparative analyses of educational systems using large-scale assessment data with a focus on educational inequalities and civic education.