Ides Nicaise

Dieser Blog wurde von Laura Zieger ins Deutsche übersetzt.

Zwei OCCAM-Mitarbeiter (John Jerrim und ich) waren Teil des Beratungsgremiums für den neuen Bericht der UNICEF über Bildungsungleichheiten in reichen Ländern. Es war eine großartige Erfahrung, nicht zuletzt wegen der Vielfalt der Perspektiven zu diesem Thema. Es gab viele grundlegende konzeptionelle Dilemmata, Datenprobleme und schwierige Entscheidungen hinsichtlich der Auswahl der Indikatoren und der daraus resultierenden Rangfolge der Länder. Das UNICEF-Forschungsteam traf schließlich all diese methodischen Entscheidungen, was angesichts des fehlenden Konsenses im Beirat von Vorteil war.

Ungleichheit versus ungleiche Chancen

Ein Schlüsselthema in der philosophischen und sozialen Literatur über Ungleichheit betrifft das Niveau der „Akzeptanz“ oder „Erwünschtheit“ der Ungleichheit. Während viele sich einen Rückgang der Ungleichheiten wünschen, argumentieren einige jedoch, dass Ungleichheiten „natürlich“ und – bis zu einem gewissen Grad – wünschenswert sind. Die meritokratische Sichtweise behauptet, dass ein gewisses Maß an Ungleichheit aufgrund der „angeborenen“ Unterschiede zwischen den Individuen immer bestehen wird; es ist daher sinnlos und ineffizient, wenn die politischen Entscheidungsträger versuchen, die Ungleichheit vollständig zu beseitigen. Darüber hinaus sollten, nach Ansicht der Meritokraten, Ungleichheiten im Bildungsniveau, die durch Fleiß und Bemühungen entstehen, gefördert anstatt beseitigt werden. Die Ungleich der Chancen aufgrund des sozialen Hintergrunds ist die einzige Ungleichheit, bei der sich die meisten Parteien einig sind, dass sie beseitigt werden sollte. Mit anderen Worten, jede Generation von Kindern sollte die gleichen Chancen auf „Erfolg“ haben (z.B. in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt), unabhängig von ihrem Hintergrund – einschließlich des Vermögens ihrer Eltern.

UNICEF beschloss, eine neutrale Position einzunehmen, indem die Länder nach ihrer allgemeinen Ungleichheit bei den Bildungsergebnissen bewertet wurden (beispielsweise gemessen an dem Unterschied in der Leseleistung zwischen den besten und schlechtesten 10% der Kinder). Man könnte natürlich argumentieren, dass es einen (länderübergreifenden) starken Zusammenhang zwischen allgemeiner Gleichheit und (sozialer) Chancengleichheit gibt – und daher werden die Länder an de r Spitze des Rankings für ihre „gerechten“ Bildungssysteme gelobt. Es gibt jedoch noch viele andere Unterschiede zwischen den Ländern (z.B. die Einkommensverteilungen, der Anteil an Migranten), die in einigen Ländern die starken Ergebnisse erklären können; diese sind dann möglicherweise nicht auf das Bildungssystem per se zurückzuführen.

Der Bericht „An Unfair Start“ [Ein unfairer Start] informiert auch über die Auswirkungen des sozioökonomischen Hintergrunds auf die Leseleistung. Das zu diesem Zweck verwendete Maß ist der Bestimmtheitsmaß (R²) einer Regression der Leistung auf den sozioökonomischen Hintergrund. Dieser Parameter wird auch als wesentliche Kennzahl für Ungleichheit in der Forschung zu PISA von der OECD verwendet: Er spiegelt nicht den Gesamtgrad der Bildungsungleichheit in einem Land wider, sondern den Anteil dieser Ungleichheit, der durch die soziale Herkunft erklärt wird. Ob ein Land 10% oder 30% Kinder aus der Arbeiterklasse in seiner Schulpopulation hat, hat keinen Einfluss auf den Bestimmtheitsmaß. 

„An Unfair Start“ zeigt ziemlich unterschiedliche Bilder der Ungleichheit in einem Land, je nachdem, welches Maß verwendet wird. Nehmen wir zum Beispiel Ungarn. Es ist ein Land mit „durchschnittlicher“ Ungleichheit, was den Unterschied zwischen den besten und schlechtesten 10% der Leser betrifft, aber es ist eines der Länder mit den schlechtesten Werten hinsichtlich des sozialen Bestimmtheitsmaß.

Versteckte Ungleichheiten

Die groß angelegten internationalen Bildungs-Vergleichsstudien wie PISA, TIMSS, PIRLS und ICCS werden dafür kritisiert, dass sie verzerrte Stichproben verwenden, welche Schulverweigerer und Schulabbrecher ausschließen oder bei denen Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarf unterrepräsentiert sind. Ohne diese Aspekte zu vernachlässigen, möchte ich einen großen Unterschied zwischen PISA und anderen Datensätzen hervorheben, nämlich die Altersstichprobe (im Gegensatz zu Stichproben basierend auf Klassenstufen).

Stichproben basierend auf Klassenstufen vergleichen die Leistungen von Schülern der gleichen Klassenstufe in allen Ländern, da ihr Hauptziel darin besteht, Lehrpläne zu beurteilen. Abbildung 28 in „An Unfair Start“ zeigt enorme Unterschiede zwischen den Ländern hinsichtlich dem Anteil an Sitzbleibern bei 15-Jährigen: von 1,1% in Island bis 34% in Belgien. Darüber hinaus ist die Chance des Sitzenbleibens, genau wie die von zu niedriger Leistung, sehr ungleichmäßig auf die sozialen Gruppen innerhalb der Länder verteilt.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Länderranking der sozialen Ungleichheit in Bildung zwischen PISA und den anderen internationalen Vergleichsstudien stark unterscheiden. PISA spiegelt den Anteil der Ungleichheiten, die durch Sitzenbleiben entstehen, korrekt wider, wohingegen andere Datensätze diesen Teil des Bildes eher verbergen. Der Rang von Belgien und Frankreich in PIRLS und PISA veranschaulicht die daraus resultierende Verzerrung deutlich: Beide Länder gehören in PIRLS zu den 15 Ländern mit der niedrigsten Ungleichheit (Abbildung 8 in „An Unfair Start“) und zu den 15 Ländern mit der höchsten Ungleichheit in PISA (Abbildung 18 in „An Unfair Start“); allerdings können die verschiedenen Rankings auch Verschiebungen in der sozialen Ungleichheit zwischen Grund- und Sekundarschule widerspiegeln.). Insgesamt zeichnet „An Unfair Start“ ein sehr umfassendes Bild der Bildungsungleichheiten von der frühen Kindheit bis zur Hochschulbildung. Der Bericht fasst auch eine Menge wissenschaftlicher Forschung zusammen, die das Bild erklärt, qualifiziert und bereichert. Es ist wichtig, dass die Nutzer all diese Qualifikationen in die Diskussionen über die Rangfolge der Länder einbeziehen.

About the author(s)

Ides Nicaise

Prof. Ides Nicaise (professor at KU Leuven) has a background in economics and works since 1989 as a research manager at HIVA (Research Institute for Work and Society), a multidisciplinary research institute of the University of Leuven (Flemish Louvain). He further specialised in social policy, more precisely the relationships between education, labour market policy and social inclusion. At the Department of Education Sciences of his university, he teaches the subjects ‘economics of education’, ‘lifelong learning and equal opportunities’ and ‘education and society’. Besides his professional activities, he is chairing the Belgian Resource Centre for the Fight against Poverty.